Sagen Sie «Ja» zum «Nein»

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Ich hatte es schon wieder getan. Obwohl ich wusste, dass es falsch war. Obwohl sich mein Innerstes dagegen sträubte wie eine Katze, die zum Tierarzt muss. «Es ist wirklich dringend, Frau Martinelli», sagte die Kundin am anderen Ende der Leitung. «Ich würde sonst nicht fragen. Aber für Sie als Profi ist das doch ein Klacks?» flötete sie. Um am Ende des Telefonats noch zu nuscheln: «Können Sie uns vielleicht mit dem Preis entgegenkommen? Unser Budget ist gerade knapp.»

Was ich getan habe, wollen Sie wissen? Nun: Ich sagte mal wieder «Ja». Obwohl es tief in mir drin «Nein» schrie, ohrenbetäubend und unüberhörbar. Und so schlug ich mir das Wochenende vor dem Computer um die Ohren, statt mit meinen Freundinnen diesen schon lange geplanten Kurztrip in die Berge zu unternehmen. Denn statt zum Auftrag der Kundin hatte ich «Nein» zu meinen Freundinnen gesagt – die nun ohne mich die Pisten unsicher machten.

Ob dem Kunden, der Chefin oder den Teamkollegen – vielen von uns fällt es schwer, anderen eine Bitte abzuschlagen oder einen Auftrag abzulehnen. Gründe dafür gibt es viele, warum wir uns etwas aufbürden, obwohl wir nicht möchten oder sogar die eigene Nase nur knapp über Wasser halten können. Wir möchten nicht als egoistisch oder faul gelten. Wir fühlen uns verpflichtet. Der Auftrag schmeichelt uns. Wir glauben, die Probleme der anderen lösen zu müssen. Oder aber wir haben Angst vor der Reaktion; vielleicht könnte uns bei der nächsten Restrukturierung die Kündigung drohen oder wir sehen den Kunden nie wieder.

Doch wie sagen wir «Nein», ohne die Kollegin zu verärgern oder vom Chef zur Schnecke gemacht zu werden? Nun, es gibt kein Patentrezept, denn jede Situation ist anders und erfordert Augenmass. Aber in jedem Fall sollten wir uns bewusst machen: Wenn wir «Ja» zu den anderen sagen, obwohl es uns gegen den Strich geht, sagen wir «Nein» zu uns selbst. Deshalb raten Psychologen, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Erwartungen genauso wichtig nehmen wie die der anderen. Zudem sollten wir uns fragen, warum es uns schwer fällt, jemandem einen Gefallen zu verweigern – diesbezügliche Klarheit hilft, die Angst vor dem eigenen «Nein» zu überwinden.

Anschliessend, so die meisten einschlägigen Ratgeber, ist es das Beste, respektvoll und höflich, aber bestimmt «Nein» zu sagen. Können wir das nicht aus dem Stegreif, dürfen wir uns Zeit ausbedingen («Ich muss mir das noch überlegen und melde mich morgen wieder»), um dann kurz und knapp, ohne verwässernde Rechtfertigungen, abzulehnen. Allerdings ist es keine schlechte Idee, eine Absage zu begründen, um sie für die andere Partei verdaulicher zu machen. Sich zu bedanken hilft ebenfalls, die Sache für den Empfänger der Botschaft – und für sich selbst – angenehmer zu gestalten: «Danke für Ihr Vertrauen, aber mein Terminkalender ist komplett voll.» Auch muss es nicht immer ein striktes «Nein» sein, sondern vielleicht ist es ja auch nur ein «diese Woche nicht».

Auf keinen Fall aber sollten wir «Ja» sagen, wenn wir «Nein» meinen. Dann klappt es das nächste Mal auch mit dem Skiweekend mit den Besties.

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