Ich hoffe, es geht dir gut! Von E-Mail-Anfängen und ihrer Bedeutung

Was schätzen Sie: Wie viele Ihrer E-Mails beginnen mit der Frage nach dem Befinden des Empfängers? Und wie erpicht sind Sie darauf zu lesen, dass jemand gerade mit Verdauungsproblemen kämpft oder sein Hamster zahnt? Ich auch nur mässig.

Wie oft haben Sie und ich wertvolle Minuten damit verplempert, beim obligaten E-Mail-Einstiegssatz «Ich hoffe, es geht dir gut» zu grübeln, ob wir einen Punkt, ein Ausrufezeichen oder doch lieber ein Fragezeichen setzen. Zumal keines der Satzzeichen ohne Haken ist: Der Punkt wirkt desinteressiert, ein Ausrufzeichen riecht nach toxischer Positivität und beim Fragezeichen könnte tatsächlich jemand auf die Idee kommen, zu antworten.

«Was würde ein Ausserirdischer wohl denken, wenn man ihm die typischen ersten Sätze von Geschäftsmails zeigen würde? Da so viele Nachrichten mit der Hoffnung beginnen, dass es dem Empfänger gut geht, könnte der Ausserirdische annehmen, dass sich die meisten Menschen entweder von einer Krankheit erholen oder demnächst krank werden», schreibt «The Economist», ein britisches Magazin, über die inflationäre Verwendung solcher Einstiegssätze – offenbar nicht nur im deutschsprachigen Raum ein Phänomen.

Zwar wird nicht immer nach dem «guten» Befinden gefragt. Manchmal liest man auch ein schlichtes «Wie geht es dir?». Dann war meist ein Verfasser am Werk, der um den Druck weiss, den «gut» ausüben kann. «Wie geht es dir?» ist insofern besser, als dass es Ergebnisoffenheit signalisiert. Denn auch Traurigkeit über eine narzisstische Chefin oder Mordgedanken wegen eines Papierstaus gehören zum Menschsein dazu.

Doch das ist wohl eher die Ausnahme – und das ist gut so! Denn auch eine solche Frage kann einen in die Bredouille bringen, weil man nicht weiss, ob man nun einen Bericht verfassen soll oder die Frage ignorieren darf. (Mein Tipp: Schicken Sie keine Röntgenbilder von Ihren letzten Skiferien.)

Wie dem auch sei: «Bist du gut in die neue Woche gestartet?» lesen und schreiben wir jeweils am Montag, «Ich hoffe, du hattest eine gute Woche» heisst es am Freitag, und «Wie läuft deine Woche? Hoffentlich gut?» wollen landauf, landab die Leute am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag wissen.

Das lässt nur zwei Schlüsse zu. Entweder, wir sind tatsächlich brennend am Befinden unserer Mitmenschen interessiert. Oder es sind einfach nur Höflichkeitsfloskeln, «ein Räuspern», wie «The Economist» schreibt, bevor man zur eigentlichen Sache kommt. Sie und ich, wir wissen beide: Es handelt sich um Letzteres.

Müssten wir also ehrlicherweise damit aufhören? Den Austausch von nichtssagenden Nettigkeiten à la «Alles gut bei dir? Alles gut bei mir!» sein lassen und endlich unsere Zeit betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvoll nutzen?

Meine Meinung? Ich fände das nicht so gut.
Wie Arthur Schopenhauer, der berühmte deutsche Philosoph, nämlich sagte: «Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. Es mag zwar nichts drin sein, aber es mildert die Stösse des Lebens.»
Ich hoffe, Sie haben eine gute Restwoche!

3 comments for “Ich hoffe, es geht dir gut! Von E-Mail-Anfängen und ihrer Bedeutung

  1. Anne-Lucie
    8. Mai 2026 at 10:28

    Was für ein erfrischender Text zu diesem Thema! Vielen Dank.
    Ich finde Freundlichkeit auch immer schön, wenn es nicht übertrieben wird. Tatsächlich haben wir aber auch ein Arbeitsumfeld, in welchem die Frage durchaus manchmal von echtem Interesse zeugt.

  2. 6. Mai 2026 at 18:20

    Nun, ich halte es mit dir, Jelena. Höflichkeit schadet nie, tut auch nicht weh. Und wer so ein «Geht’s dir gut?» als reine Floskel empfindet oder gar als Zumutung, kann – so hoffe ich doch – ganz ohne Schmerzen einfach darüber hinweg lesen.

    Es ist jedoch auch erlaubt, darauf zu antworten. Genauso floskelhaft mit «Alles gut», oder ganz ehrlich. … und dann gespannt sein auf die Reaktion. Wenn solche menschliche Regungen das enge Zeitkorsett überhaupt zulässt …

  3. Sandra
    5. Mai 2026 at 14:26

    Ich nerve mich ehrlich gesagt immer etwas über solche Höflichkeitsfloskeln. Im privaten Umfeld finde ich sie nicht störend, aber im Büro frage ich mich stets: Will der, oder die jetzt wirklich wissen, wie’s mir geht? Soll ich bei meiner Antwort überhaupt auf die Frage eingehen? Und schon sind mindestens 3 Minuten verstrichen, in denen ich mir lieber einen Kaffee geholt hätte…

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