Wenn Ihre KI Ihre Assistenz ist – was bleibt dann bei Ihnen?

Im Mai habe ich Ihnen geraten: Gönnen Sie sich eine Assistenz. Gemeint war Ihre KI. Das Thema lässt mich nicht los. Im Gegenteil, es scheint mir aktueller und dringlicher denn je. Denn ich spüre in Gesprächen mit Assistenzen viel Verunsicherung: Wird meine Rolle noch gebraucht?

Diese Sorge nehme ich ernst. Und trotzdem bleibe ich bei meiner Überzeugung: KI frisst die Assistenz nicht. Sie verändert aber, was eine gute Assistenz ausmacht – und das macht es umso wichtiger, sich jetzt bewusst damit auseinanderzusetzen.

Was KI übernimmt – und was nicht?

KI nimmt uns bereits heute Arbeit ab: Recherche, erste Entwürfe, Zusammenfassungen, Protokolle gehen schneller. Was KI aber nicht kann: Zusammenhänge einschätzen, Kontext aus dem Bauch heraus einordnen, zwischenmenschliche Zwischentöne erkennen. Genau das ist nicht rational in einen Prompt zu fassen und genau das macht eine erfahrene Assistenz aus. Diese Fähigkeiten verlieren durch KI nicht an Wert, sondern sie gewinnen an Bedeutung.
Damit verschiebt sich die Rolle: weg von reiner Ausführung, hin zu einer Art Projektleitung. KI erledigt die Routine- und Recherchearbeit. Die Assistenz behält das grosse Ganze im Blick, gibt Kontext, beurteilt, entscheidet.

KI denkt nicht mit, sie kombiniert

Bei einer menschlichen Kollegin können Sie eine Aufgabe delegieren und darauf vertrauen, dass mitgedacht, nachgefragt und aus Erfahrung heraus eingeordnet wird. Bei KI ist das ein Trugschluss. So flüssig sie formuliert, so überzeugend sie klingt: Sie versteht nichts. Sie erkennt Muster, gewichtet Wahrscheinlichkeiten und kombiniert daraus die plausibelste Antwort. Kein Mitdenken, kein Zweifel, kein Gespür dafür, dass eine Formulierung heute bei dieser Person falsch ankommen könnte. Auch das überzeugendste Ergebnis ist am Ende Rechenlogik und keine Einschätzung.

Genau deshalb bleibt die Verantwortung bei Ihnen. Die KI kann produzieren, doch Sie müssen beurteilen, ob es stimmt. Sie kann Vorschläge liefern und Sie müssen entscheiden, ob sie passen. Sie liefert Geschwindigkeit, aber Sie geben die Richtung vor. Das ist eine klassische Assistenzkompetenz, die Sie nicht erst lernen müssen und die jetzt einfach häufiger gefragt ist: nicht irgendetwas erledigen, sondern verstehen, was gebraucht wird und wozu – und spüren, was eine Kombination aus Wörtern niemals spüren kann.

Was gehört in gute Hände – und was nicht?

Eine gute Assistenz delegiert nicht einfach möglichst viel, sondern entscheidet bewusst. Gut delegierbar sind zum Beispiel erste Entwürfe, Recherche, Zusammenfassungen, Strukturierung von Inhalten oder Brainstorming. Nicht delegieren würde ich hingegen sensible Kommunikation, zwischenmenschliche Einschätzungen, vertrauliche Informationen, finale Entscheidungen oder die Beurteilung von Personen.

Was sinnvoll delegiert werden kann, hängt vom Unternehmen, den Systemen und der Aufgabe ab. Eine Frage hilft mir dabei besonders: Wenn ich nicht genau weiss, warum ich eine Aufgabe an die KI delegiere, warum sollte ich sie überhaupt delegieren?

Der eigentliche Wandel

Der Wert der Assistenzrolle verschiebt sich: Von «Ich erledige das für Sie» zu «Ich entscheide, wie wir es am besten erledigen». Von «Ich organisiere das Meeting» zu «Ich sorge dafür, dass das Meeting seinen Zweck erfüllt».

Das zeigt: Wer als Assistenz schon heute über Kontext, Urteilsvermögen und Beziehungsgespür verfügt, muss sich vor KI nicht verstecken. Diese Kompetenzen sind bereits da: jetzt kommt es darauf an, KI so einzusetzen, dass sie diese Stärken sichtbarer macht, statt sie zu verdrängen.

Wo stehen Sie?

Nehmen wir an, KI könnte morgen 30 Prozent Ihrer bisherigen Aufgaben übernehmen:

  • Welche 30 Prozent würden Sie ihr geben?
  • Welche würden Sie bewusst behalten?
  • Wo würden Sie kontrollieren, wo widersprechen?
  • Und womit würden Sie die gewonnene Zeit verbringen?

Diese letzte Frage halte ich für die entscheidende, denn die Zukunft der Assistenz liegt nicht darin, Aufgaben möglichst schnell abzuarbeiten, sondern mehr Wirkung zu erzielen: durch Einordnungsvermögen, Urteilskraft und die Fähigkeit, Mensch und Technologie sinnvoll zusammenzubringen. Sie sind dieser Entwicklung nicht ausgeliefert, Sie können sie aktiv gestalten. Der eigentliche Wandel liegt aus meiner Sicht darin, den Fokus bewusst auf das zu richten, was zwischen Menschen zählt – und gezielt daran zu arbeiten, genau diese Stärken auszubauen.

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